Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich

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Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich

Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik

★★★★☆

Thomas Bauer, Gerd Gigerenzer et al. - Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich Buchcover

AUTOREN

Thomas K. Bauer
Gerd Gigerenzer
Walter Krämer
Katharina Schüller

KATEGORIE

Statistik
Risiko
Wissenschaft

ERSCHIENEN

1. Auflage 2022
Campus Verlag

Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich

Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik

★★★★☆

Thomas Bauer, Gerd Gigerenzer et al. - Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich Buchcover

AUTOREN

Thomas K. Bauer
Gerd Gigerenzer
Walter Krämer
Katharina Schüller

KATEGORIE

Statistik
Risiko
Wissenschaft

ERSCHIENEN

1. Auflage 2022
Campus Verlag

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Nie mehr Fake News und Panikmache!

Seit 2012 veröffentlichen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und der RWI-Vizepräsident Thomas Bauer die Unstatistik des Monats. Das Ziel: Einen vernünftigen Umgang mit Daten und Fakten zu fördern und dem „Analphabetismus im Umgang mit Zahlen, mit Wahrscheinlichkeiten und Risiken“ entgegenzuwirken.

Gemeinsam mit der Datenanalyse-Expertin Katharina Schüller haben sie einen unterhaltsamen Leitfaden in Form eines „Best-Of Unstatistik“ mit dem Titel Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich erschaffen. Worum es geht und was es mit dem Buchtitel auf sich hat, besprechen wir in dieser Rezension.

Wie kann man Menschen bei ihren Entscheidungen unterstützen?

Es gibt drei Möglichkeiten, um Menschen in ihren Entscheidungsprozessen zu beeinflussen: Paternalismus, das sogenannte „Nudging“ und Risikokompetenz:

  • Paternalismus ist das Modell China. Man sagt den Bürgern, wie sie sich verhalten sollen, und je nachdem, ob sie folgsam sind oder nicht, belohnt oder bestraft man sie.
  • Nudging“ ist eine sanfte Variante des Paternalismus. Es werden keine Entscheidungen vorgeschrieben, stattdessen wird versucht, das Verhalten mit psychologischen Mitteln zu beeinflussen. Durch einen Nudge (einen „Anstupser“) lenkt man das Verhalten der Menschen in eine bestimmte Richtung.
  • Risikokompetenz stellt eine Alternative zu beiden Formen des Paternalismus dar. Das Ziel ist es, die Bürger kompetent zu machen, damit sie Evidenz verstehen und selbst gute und informierte Entscheidungen treffen können.

Während prominente Vertreter des Nudgings wie Daniel Kahneman und Richard Thaler die Hoffnung aufgegeben haben, dass Menschen lernen können, Risiken richtig zu bewerten, sind die Autoren des vorliegenden Buches starke Befürworter der letzten Variante, der Stärkung der Risikokompetenz der Bevölkerung. Mit entsprechenden Fördermaßnahmen, die bereits früh im Schulsystem etabliert werden müssten, wäre dies den Menschen aus Sicht der Autoren nämlich durchaus zuzutrauen.

Die Autoren werfen zudem eine wichtige Frage auf: Will man mehr staatliche Steuerung, mit dessen Hilfe Menschen zu ihrem Glück „genudget“ werden, oder mehr Bürger, die selbst informierte Entscheidungen treffen können?

Richard Thaler & Cass Sunstein - Nudge Buchcover

Nudge zählt zu den Klassikern der Verhaltensökonomie. Das Buch von Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler & Cass Sunstein erschien erstmals im Jahr 2008 und wurde nun vollständig überarbeitet und um völlig neue Erfahrungen und Forschungsergebnisse aktualisiert.

In dem Buch wird aufgezeigt, wie eine durchdachte Entscheidungsarchitektur genutzt werden kann, um bessere Entscheidungen zu begünstigen. Dabei werden verschiedene Themen aufgegriffen, unter anderem Gesundheit, persönliche Finanzen, Klimawandel und „Sludge“.

Wie stärkt man die Risikokompetenz?

Ein wesentlicher Baustein der Risikokompetenz ist die Fähigkeit zum statistischen Denken. Statistik ist eine völlig eigenständige Wissenschaft und geht weit über das hinaus, was Medizinern, Psychologen, Betriebswirten und Ingenieuren in ihrem Studium meist vermittelt wird. Viele Menschen wissen leider kaum, wie Statistik oder Wissenschaft ganz allgemein funktioniert.

Statistisches Denken ist die Kunst, Risiken zu verstehen.

Eine zentrale Lehre der Statistik ist, dass absolute Sicherheit eine Illusion ist. Wenn etwas wissenschaftlich gesichert oder statistisch bewiesen ist, dann ist das nicht zu lesen wie ein mathematischer Beweis, wie a2 + b2= c2. Anstatt mit mathematischer Beweisführung arbeiten zu können, müssen sich empirische Wissenschaften wie Medizin, Psychologie oder Soziologie eine Frage zu einem Problem aus der realen Welt stellen, diesen Ausschnitt in ein Modell übersetzen, Daten erheben und daraus Schlüsse ziehen. In diesem Prozess lauern natürlich viele Fehlerquellen, weshalb die empirischen Wissenschaften daher so gut wie nie 100-prozentig gesicherte Erkenntnisse präsentieren.

Dennoch – und das ist ebenfalls eine wesentliche Erkenntnis aus der Statistik – können aus unsicheren Daten die richtigen Entscheidungen abgeleitet werden. Es ist allerdings keine leichte Aufgabe, dies Menschen ohne wissenschaftliche Ausbildung (aber oft auch Menschen mit entsprechender Ausbildung) zu vermitteln.

Warum ist statistisches Denken wichtig?

Die Autoren geben diese Hoffnung jedoch nicht auf und stellen viele Überlegungen an, wie die Risikokompetenz der Menschen gestärkt und gefördert werden kann. Warum dies so wichtig ist, kann mit einem sehr eindringlichen Beispiel anhand der Gefahren medizinscher Früherkennung erläutert werden. Den meisten Menschen ist vermutlich nicht bewusst, dass der überwiegende Anteil dieser Untersuchungen nachweislich NICHT imstande ist, Menschenleben zu retten.

Es gibt zwar durchaus einige Verfahren, welche die krebsspezifische Sterblichkeit verringern, wie etwa die Mammografie, der Stuhltest für Darmkrebs oder das PSA-Screening für Prostatakrebs. Allerdings fehlt auch bei diesen Maßnahmen bis heute der Nachweis, dass die Mortalität insgesamt zurückgeht. Zum Beispiel: Im Falle der Mammografie stirbt zwar eine von 1.000 Frauen weniger an Brustkrebs, jedoch stirbt in der Screening-Gruppe dafür eine Frau mehr an einem anderen Krebs. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das in der statistischen Theorie der konkurrierenden Risiken beschrieben wird.

Es kann jedoch noch deutlich schlimmer kommen, wie man etwa im Falle der Früherkennung von Eierstockkrebs durch vaginalen Ultraschall beobachten kann. Wie die Autoren ausführen, wird diese Untersuchung jedes Jahr millionenfach von Frauenärzten empfohlen, obwohl ärztliche Fachgesellschaften von dieser Untersuchung abraten, da sie keinen nachweisbaren Nutzen hat, stattdessen aber zu schwerem gesundheitlichen Schaden führen kann. Der Schaden entsteht dabei nicht etwa durch die Untersuchung selbst, sondern durch falsch positive Diagnosen, die in weiterer Folge zu unnötigen Operationen führen, bei denen einer oder beide gesunden Eierstöcke entfernt werden.

Da etwa die Hälfte der Krebserkrankungen verhaltensbedingt ist, argumentieren die Autoren daher, dass es deutlich sinnvoller wäre, mehr Geld in entsprechende Schulprogramme zur Förderung der Gesundheitskompetenz zu stecken, als in die Industrie, sprich in Technik, Medikamente und komplexe Big Data Algorithmen.

Ein Buch voll mit statistischem Unfug

Das Buch ist stellenweise nicht immer einfach zu lesen. Die Autoren empfehlen deshalb auch, entsprechende Abschnitte mehrmals zu lesen, um den Inhalt und die zugrunde liegenden Aussagen tatsächlich zu verstehen. Aus meiner subjektiven Leseerfahrung kann ich aber sagen, dass sich der Aufwand jedenfalls lohnt.

Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich wird den Lesern den einen oder anderen Aha-Moment bescheren. Ein eigenes Kapitel beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie Daten grafisch aufbereitet und dargestellt werden. Die fälschliche Darstellung von Daten sorgt für sehr viele Fehlannahmen und große Verwirrungen. Dies ist mit ein Grund, weshalb es beispielsweise um die COVID-Impfung so enorm viel Verwirrung gab und skurrile Verschwörungsmythen entstanden sind.

Nach dem Lesen wird die Motivation jedenfalls größer sein, die eigene Risikokompetenz deutlich erweitern zu wollen, sich mehr an Fakten und Evidenz zu orientieren und Behauptungen und fest gefahrene Überzeugungen aller Art zu hinterfragen.

Doch Vorsicht – wer sich darauf einlässt, läuft Gefahr, politisch und gesellschaftlich anzuecken und unter Umständen auch Freunde zu verlieren. Hans Rosling hat in seinem brillanten Buch Factfulness* (meine Buchbesprechung kannst du hier nachlesen) bereits darauf hingewiesen, dass man durchaus mit Feindseligkeiten rechnen muss, wenn man sich lieber auf Fakten beruft, als sich der kulturpessimistischen Weltsicht anzuschließen, die in vielen sozialen Situationen zwar zum guten Umgangston gehört, aber mit der Realität oftmals eher wenig zu tun hat.

Letztlich können wir nur davon nur profitieren, wenn wir bestrebt sind, unsere Fähigkeiten im statistischen Denken zu erweitern und damit unsere Risikokompetenz zu stärken, sowohl was uns im Einzelnen betrifft, als auch im Kollektiv. Es sollte in unserem Interesse sein, gut informiert die besten Entscheidungen treffen zu können, für uns, unsere Finanzen, unsere Gesundheit und unsere Gesellschaft, auch ohne „Anstubser“ von staatlicher Seite, der uns zu unserem Glück verhelfen soll. Die Autoren von Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich versuchen jedenfalls mit ihrem Buch ihren Beitrag dafür zu leisten.

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